Brüder und Schwestern

Er schämt sich nicht für dich

Jürgen Ferrary
8. Mai 2026

Wenn ich in Berlin erzähle, dass ich aus Zehlendorf komme, dann hellen sich oft die Gesichter auf. Zehlendorf steht für: wohlhabend, gebildet, gepflegt. Doch diese Geschichte hat eine zweite Seite. Es gibt auch Ecken, die ganz anders sind. Zehlendorf-Süd zum Beispiel war zu meiner Kindheit ein harter Ort, ein Milieu, das viele lieber ausblenden. Genau dort bin ich groß geworden.

Lange habe ich mich dafür geschämt. Die Alkoholikerquote war eine der höchsten im damaligen West-Berlin – und meine Mutter war eine von ihnen. Auch das war mir peinlich. Ich habe mich geschämt für das, was daraus folgte: Armut, Gewalt, Unsicherheit. Also habe ich gelernt, meine Geschichte zu verkürzen. „Ich bin in Zehlendorf aufgewachsen“, habe ich gesagt. Das klang besser. Sauberer. Akzeptierter.

Und ehrlich gesagt: Dieses Muster hat sich lange auch auf mein Gottesbild übertragen. Ich hatte oft das Gefühl, Gott könnte sich für mich schämen – so wie ich mich für mein Elternhaus geschämt habe. Immer dann, wenn ich Dinge getan habe, von denen ich wusste, dass sie nicht gut sind, sah ich ihn innerlich vor mir: mit verschränkten Armen, einem genervten Blick, enttäuscht.

Doch die Bibel zeichnet ein völlig anderes Bild. Im Hebräerbrief heißt es: „Darum schämt sich Jesus auch nicht, sie seine Brüder und Schwestern zu nennen“ (Hebräer 2,11).

Das ist stärker, als es auf den ersten Blick klingt. In der damaligen Kultur war Scham eng mit Ehre und Status verbunden. Wen man öffentlich als Familie bezeichnete, mit dem verband man seinen eigenen Namen. Man stand füreinander ein. Man machte sich eins.

Und genau das wird hier über Jesus gesagt. Über den, der kurz zuvor als Abglanz von Gottes Herrlichkeit beschrieben wird, als das Ebenbild seines Wesens, als der, der alles trägt. Dieser Jesus stellt sich hin und sagt: „Du gehörst zu mir. Du bist mein Bruder. Du bist meine Schwester.“

Das ist theologisch tief und gleichzeitig unglaublich persönlich. Jesus wurde Mensch, teilte unsere Zerbrechlichkeit, erlebte Versuchung, Leid und Tod. Und nach seiner Auferstehung wendet er sich nicht ab, sondern zu. Er nennt uns Familie.

Das bedeutet: Kreuz und Auferstehung sind nicht nur ein Zeichen von Gnade und Vergebung. Sie sprechen dir Zugehörigkeit zu. Du bekommst nicht nur einen Neuanfang, sondern einen Platz. Einen Namen. Eine Identität.

Und das Entscheidende ist: Diese Zugehörigkeit gilt nicht erst dann, wenn du dein Leben im Griff hast. Nicht erst dann, wenn du „gerade läufst“ oder keine peinlichen Fehler mehr machst. Sie gilt jetzt. Heute. Öffentlich.

Vielleicht schließt sich hier der Kreis: Du musst deine Geschichte nicht beschönigen, um dazuzugehören. Du musst nicht nur die „schönen Teile“ erzählen. Jesus kennt alles – und er schämt sich trotzdem nicht für dich. Mehr noch: Er steht zu dir.

Das verändert den Blick. Auf Gott. Auf dich selbst. Und vielleicht sogar auf deine eigene Geschichte.

Kleine Herausforderung: Nimm dir heute einen Moment Zeit und frage dich ehrlich: Wo versuche ich noch, meine Geschichte zu verstecken oder zu beschönigen? Und was würde sich verändern, wenn ich glaube, dass Christus seinen Namen längst mit meinem verbunden hat?

Sei gesegnet!

„Scham stirbt, wenn Geschichten erzählt werden.“ – Ann Voskamp

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